Ein entspannterer, aber selektiverer Arbeitsmarkt
Die Schweizerische Nationalbank hat kürzlich ihr Quartalsbulletin 2/2026 mit der vierteljährlichen Lagebeurteilung zur Wirtschafts- und Geldpolitik veröffentlicht. Trotz eines widerstandsfähigen Wachstums und einer insgesamt einfacheren Rekrutierung zeichnet der Bericht das Bild eines fragmentierten Umfelds, in dem geopolitische Unsicherheiten und punktuelle Fachkräfteengpässe die Personalplanung der Unternehmen neu prägen. Raphael Schmid, CEO der Interiman Group, ordnet die Ergebnisse ein.
Die Schweizer Wirtschaft zeigt sich widerstandsfähig. Gemäss Quartalsbulletin 2/2026 der SNB stieg das Bruttoinlandprodukt im ersten Quartal auf annualisierter Basis um 1,8%, getragen von der Industrie ausserhalb der Pharma, dem Dienstleistungssektor und dem Baugewerbe. Die SNB rechnet für 2026 mit einem Wachstum von rund 1% und für 2027 mit 1,5%. Die Inflation erhöhte sich von 0,1% im Februar auf 0,6% im Mai, ein Anstieg, der fast ausschliesslich auf die Verteuerung von Erdölprodukten (+17,7% im Mai) infolge des Konflikts im Nahen Osten zurückzuführen ist. Der Leitzins bleibt bei 0%.
Am Arbeitsmarkt zeigt sich ein differenzierteres Bild. Die vom Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) ausgewiesene Arbeitslosenquote stieg von 3,0% auf 3,1%. Ende Mai waren rund 145’000 Personen bei den kantonalen Arbeitsvermittlungszentren registriert. Gleichzeitig beurteilen die von der SNB befragten Unternehmen die Rekrutierung als einfacher als zuvor, und genau dieser Gegensatz verdient besondere Aufmerksamkeit.
Unsicherheit aus mehreren Richtungen
Der Konflikt im Nahen Osten wirkt sich indirekt, aber spürbar auf die Schweiz aus: Energie- und Rohstoffpreise sind gestiegen, die Produktionskosten haben zugenommen und die Kaufkraft der Haushalte ist gesunken. Hinzu kommt die US-Handelspolitik, welche die SNB ausdrücklich als Unsicherheitsfaktor bezeichnet. Die allgemeinen Zölle von 10% gelten weiterhin, während Untersuchungen gegen rund sechzig Volkswirtschaften zu zusätzlichen Massnahmen führen könnten.
Die Gespräche der SNB-Delegierten mit 243 Unternehmen zeigen zudem, wie die Wirtschaft reagiert: Investitionen werden verschoben, die Planung erfolgt vorsichtiger und fixe Kosten sollen flexibler gestaltet werden.
«Die Unsicherheit kommt heute gleichzeitig aus mehreren Richtungen: geopolitische Spannungen, Energiepreise, die amerikanische Handelspolitik. In diesem Umfeld gewinnen flexible Personallosungen an Bedeutung, weil sie Unternehmen ermöglichen, ihre Belegschaft dem tatsächlichen Marktverlauf anzupassen», erklärt Raphael Schmid, CEO der Interiman Group.
Das Paradox der Gegenwart
Die Besetzung offener Stellen gilt laut SNB seit mehreren Quartalen als vergleichsweise einfach. Das widerspricht zwar dem verbreiteten Narrativ eines generellen Fachkräftemangels, bedeutet aber keineswegs, dass der Arbeitsmarkt einfacher geworden ist, denn dort, wo es strategisch wird, bleiben die Engpasse bestehen: Projektleitungs- und Führungsfunktionen sind weiterhin schwer zu besetzen, und auch das Baugewerbe leidet nach wie vor unter Personalmangel. Künstliche Intelligenz, oft als Umbruch- oder gar Disruptionsfaktor dargestellt, hat gemäss den befragten Unternehmen bislang nur einen geringen Einfluss auf den Personalbedarf.
Für Arbeitgeber hat sich die Fragestellung verändert. Es geht weniger darum, überhaupt Kandidatinnen und Kandidaten zu finden, sondern vielmehr darum, die passende Rekrutierungsstrategie zu wählen: Wo ist eine Festanstellung sinnvoll? Wo bietet Temporärarbeit die nötige Flexibilität? Und wie lassen sich seltene Schlüsselprofile sichern, die für den Projekterfolg entscheidend sind?
Drei Branchen, drei Dynamiken
Der Bericht zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Branchen. Die Uhrenindustrie erkennt erste Anzeichen einer Erholung nach mehreren Quartalen schwacher Nachfrage und bereitet sich vorsichtig auf Wachstum vor. Temporärarbeit dient dabei oft als Übergang vor Festanstellungen. Das Baugewerbe bleibt robust, angetrieben unter anderem durch Vorzieheffekte im Zusammenhang mit der geplanten Abschaffung des Eigenmietwerts, kämpft aber weiterhin damit, die passenden Profile zu finden, insbesondere für die Baustellenleitung. Das Gastgewerbe entwickelt sich in einem verhaltenen Konsumumfeld uneinheitlich und ist deshalb besonders auf Flexibilität und saisonale Planung angewiesen.
Diese unterschiedlichen Entwicklungen führen zur gleichen Erkenntnis: In einem Umfeld, das sich innerhalb weniger Wochen verändern kann, wird die Fähigkeit, den Personalbestand rasch anzupassen, zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Unternehmen, die Marktbewegungen früh erkennen, rekrutieren besser, schneller und kostengünstiger.
«Der Arbeitsmarkt entspannt sich, aber er wird nicht einfacher. Er wird selektiver. Unternehmen brauchen Partner, die diese Entwicklungen früh erkennen und in konkrete Personalentscheidungen übersetzen», fasst Raphael Schmid zusammen.
Quelle: Schweizerische Nationalbank, Quartalsbulletin 2/2026, Juni 2026. Vollständiger Bericht auf snb.ch


